Mehr Bewusstsein für Bodyshaming/Körperscham in 2022

Überblick

Hast du schon von Begriffen wie Bodyshaming/ Körperscham oder z.B. Bodypositivity gelesen oder gehört? Wenn du mehr über diese Begrifflichkeiten erfahren möchtest und Interesse hast zu verstehen, warum ich als Betroffene öffentlich über solche sensiblen Gefühle spreche, dann ist dieser Beitrag genau richtig für dich!

Was bedeutet Körperscham?

Betroffene von Körperscham empfinden überhöhte Schamgefühle in Bezug auf den eigenen Körper oder bestimmte Körperregionen. Häufig werden einzelne Körperteile oder Bereiche verdeckt, kaschiert oder per Bildbearbeitung retuschiert, weil die Befürchtung besteht, andernfalls für Abweichungen von gängigen Schönheitsidealen und Normen abgelehnt, kritisiert oder gemobbt zu werden. Für die Ursache solcher überhöhten Schamgefühle spielen in der Regel psychische, soziale und genetische Faktoren der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart des Betroffenen eine Rolle.

Vor allem Frauen, die von Körperscham betroffen sind, befinden sich in einem regelrechten Dauerzustand aus Anspannung und dem Druck

  • den eigenen Körper ständig zu optimieren,
  • im Kaloriendefizit zu halten
  • oder zu Höchstleistungen „zwingen“ zu wollen (müssen).

Der Duden beschreibt Scham, wie folgt:

Scham, durch das Bewusstsein, (besonders in moralischer Hinsicht) versagt zu haben, durch das Gefühl, sich eine Blöße gegeben zu haben, ausgelöste quälende Empfindung


Im pathologischen Bereich solcher Gefühlszustände wird in Fachkreisen von der sogenannten körperdysmorphen Störung gesprochen, welche nach ICD 10 klassifiziert wird.

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und beruht vor allem auf meinen eigenen Erfahrungen als Betroffene und Recherchen. Er dient in keinem Fall einer Selbstdiagnose. Bitte hole dir unbedingt ärztlichen Rat ein, sofern du das Gefühl hast mit diesem Thema selbst ernsthafte Probleme und Schwierigkeiten zu haben!

Ist Bodyshaming das gleiche wie Körperscham?

Der Begriff Bodyshaming beschreibt eine Form der Diskriminierung. Also nicht die eigene Scham von Betroffenen, sondern Betroffene werden „Opfer“ von Bodyshaming, in dem sie z.B. auf sozialen Medien Hass-Kommentare als Reaktion auf ihre Fotos erhalten. Diese beiden Begrifflichkeiten sind daher voneinander in der Definition abzugrenzen. Jedoch treten sie häufig in Verbindung auf, da Betroffene von Bodyshaming meist nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen und ihre eigene Körperscham durch die Diskriminierung und den gesellschaftlichen Druck weiter erhöht wird.

Es ist mir wichtig in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass sich viele Betroffene des Ausmaßes ihrer Gefühle gar nicht bewusst sind. Denn wie oft wird Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bagatellisiert und als normal angesehen. Und natürlich kann sich eine gewisse Unzufriedenheit mit sich selbst im normalen Rahmen bewegen bzw. ist häufig auch ein notwendiger Leidensdruck, der Veränderung in Gang setzt. Die Frage ist, wie sehr z.B.  betroffene Frauen durch ihre Gefühle in ihrer Wahrnehmung und ihrem Alltag eingeschränkt sind.

Ich kann dir sagen, dass ich einen Großteil meines bisherigen Lebens massiv eingeschränkt war und es verging kein Tag, an dem ich mir keine Gedanken über meinen Körper oder mein Äußeres machte.

Möchtest du erfahren, wie stark ich mich selbst wegen meiner Geheimratsecken eingeschränkt habe? Du erfährst es in meinem Beitrag Geheimratsecken, kahle Stellen und hohe Stirn…

Nun aber erstmal weiter im Text 🙂

Angst war mein ständiger Begleiter. Angst vor einer Zunahme, Angst vor Ablehnung, Angst vor seelischer Verletzung.

Hoffnungsvolle Gegenbewegungen > Was bedeutet Bodypositivity, Bodyneutrality und Bodydiversity?

Das Schöne ist, dass es mittlerweile soziale Bewegungen und anderweitige Institutionen gibt, die in ihren Annahmen deutliche Zeichen gegen Bodyshaming und dem heutigen Trend zu immer krasseren Schönheitsidealen und Abmagerungs-Challenges setzen.

Im Folgenden möchte ich dir einige diese Begrifflichkeiten nennen und kurz erklären, welche Grundannahmen sie verfolgen:

Bodypositivity – Diese Bewegung geht davon aus, dass jeder Körper oder auch nur einzelne Bereiche, die von gängigen Schönheitsnormen abweichen als positiv bewertet werden sollen. Dies soll nicht nur für die Person selbst, sondern auch für fremde Betrachter gelten. Die Individualität jedes Einzelnen (Körpers) soll hierbei deutlich mehr wertgeschätzt werden.

Bodyneutrality – Unter diesem Begriff soll der Fokus auf unsere Körper grundsätzlich reduziert und ein neutraler Umgang gefördert werden. Bodyneutrality möchte Körper oder im allgemeinen Äußerlichkeiten weder feiern noch im überhöhten Maße thematisieren, um der Entstehung von innerem Druck, sich selbst mit jedem Makel schön finden zu müssen, entgegenzuwirken.

Bodydiversitiy – Thematisiert Diskriminierungen oder auch Stigmatisierungen unserer Gesellschaft, die auf unsere Körper zurückzuführen sind. Bodydiversity bezieht daneben z.B. auch Herkunft, Religion oder sexuelle Orientierung mit ein. Grundsätzlich sollen keinerlei Veränderungen vorgenommen, sondern für die Akzeptanz körperlicher Diversität sensibilisiert werden. Im Fokus rücken soll der individuelle Mensch mit allen Erfahrungen, Ecken und Kanten, als Ausdruck der eigenen Identität individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften.

In den sozialen Medien findest du mittlerweile auch Hashtags zu diesen Begrifflichkeiten. Allein unter #Bodypositivity finden sich auf Instagram mittlerweile 10,2 Millionen Beiträge. Aber auch unter #Bodyneutrality finden sich 264 Tausend Beiträge, was zeigt, dass sich in unserer Gesellschaft etwas tut.

Was mir positiv auffällt, sind Schaufensterpuppen in Modegeschäften, die ebenfalls nicht mehr einem unnatürlich mageren Körper gleichen, sondern mit Kurven ausgestattet wurden, die der Realität deutlich näherkommen. Und auch bekannte Marken unter den Bekleidungsherstellern setzen in ihren Werbekampagnen regelmäßig auf Models, die vom gängigen Schönheitsideal abweichen.

Und was macht das mit uns?

Mir zumindest gibt es das Gefühl, dass wir ganz langsam auf einen besseren, gesünderen und toleranteren Weg zusteuern. Jedoch möchte ich mich nicht auf Tendenzen oder möglichweise vorübergehende Trends verlassen. Ich möchte mit meinen Beiträgen auf meiner Website und in den sozialen Medien aktiv zu dieser jungen, aber so hoffungsvollen Entwicklung beitragen.

Warum?

Warum teile ich öffentlich meine Erfahrungen?

Weil ich als Betroffene von massiver Körperscham und als emotionale Esserin weiß, wie es sich anfühlt den eigenen Körper zu hassen, wegen des Aussehens diskriminiert zu werden und zu glauben, dass es nur einen einzigen Weg gibt, diesem Selbsthass zu entkommen:

Der permanente Versuch das Aussehen bzw. den eigenen Körper zu verändern, zu quälen oder in unnatürliche Formen zu drängen.

Ich versuchte also mein Gefühl, hinter dem sich ein tiefer Mangel befand mit Äußerlichkeiten zu füllen.

Aber dieser Weg ist eine Täuschung! Denn das, was ich wirklich brauchte, war und ist längst in mir. Und da ich lange kein kleines Kind mehr bin, brauche ich keine äußere Anerkennung und Aufmerksamkeit mehr, um zu überleben.

Versteh mich nicht falsch, es ist nett sie ab und zu bekommen, aber zwischen „Bekommen“ und „Brauchen“ steckt ein gewaltiger Unterschied.

6 gute Gründe, warum ich begonnen habe öffentlich über meine Erfahrungen und Gefühle zu sprechen

1.Das Leben von Frauen darf wirklich selbstbestimmt und wunderschön werden

In erster Linie möchte ich mit meinen Beiträgen das Leben anderer Frauen ein bisschen schöner machen und durch eine Zusammenarbeit verbessern. Natürlich können im eigentlichen Sinn diese Frauen das nur für sich selbst tun, jedoch bin ich mittlerweile davon überzeugt, dass wahre Veränderung neben einer bedingungslosen inneren Bereitschaft auch noch ein Netzwerk an (professionellen) Unterstützern benötigt.

Ich weiß noch, dass ich während meiner Therapie keine Vorstellung von einem Leben ohne meine Essstörung oder meiner Körperscham hatte. Ich kannte nur diese eine innere Wahrnehmung. Denn meine Wahrnehmung war geprägt von kindlichen Glaubenssätzen, unwahren Gedanken und schmerzlichen Erfahrungen.

2.Der Unterschied darf von so vielen Frauen, wie nur möglich, erfahren werden

Heute, nach sieben Jahren, seit meinem Beginn auf eine Reise zur inneren Freiheit und in einem deutlich stabileren und gesünderen Zustand, erlebe ich Tag für Tag,

welchen Unterschied es für den Alltag

und die gesamte Lebens-und Beziehungsqualität ausmacht,

wenn man einschränkende Schamgefühle und Ängste benennt,

die Ursprünge bzw. Verstrickungen mit vergangenen Erfahrungen versteht,

die eigenen Bedürfnisse erkennt

und sich diese aus einem gesunden Erwachsenen-Ich heraus erfüllt.

3.Frauen dürfen sich der Notwendigkeit bewusstwerden

…der Notwendigkeit, einen neuen und liebevolleren Umgang mit ihren Gefühlen zu erlernen, damit sie sich langfristig besser, um sich selbst kümmern zu können. Aber auch immer wieder die eigene Verantwortung und vor allem den eigenen Handlungsspielraum in schwierigen Phasen zu erkennen.

Ich möchte erreichen, dass betroffene Frauen sich der wahren Ursache ihres inneren Leidens bewusstwerden, die Notwendigkeit für eine Neuausrichtung erkennen und den Mut aufbringen, notwendige Schritte zu gehen.

Das Leben will tief gefühlt und gelebt werden, es kann großen Spaß und Freude bereiten. Es hält für jeden von uns eine unendliche Fülle an Möglichkeiten bereit. Aber diese Dimensionen können nicht erreicht werden, wenn der Alltag sich in einem Teufelskreis aus Schamgefühlen, Angst, Druck und schädigenden Verhaltensmustern bewegt.

4.Frauen dürfen verstehen und erleben, dass das, was ausgesprochen ist, an Dramatik und Macht verliert

Ein weiterer Grund, warum ich offen über meine Gefühle spreche ist, dass es hilft, wenn ich das, was ich fühle benenne und ausspreche. Und dieses Aussprechen nimmt meinen Gefühlen ihre Dramatik und alles was ich selbst offen und freilege, das macht mir keine Angst mehr.

Während der Zeit meiner Therapie und auch noch in den darauffolgenden Jahren reflektierte ich meine Gefühle und Gedanken mit Therapeuten und Coaches sowie in Tagebüchern. Tagebuch schreibe ich noch heute, wenn ich spüre, dass etwas in mir an die Oberfläche geholt und gesehen werden möchte.

Im Zusammenwirken mit meinen Ausbildungen im Bereich NLP und Coaching konnte ich mich selbst immer besser kennen und verstehen lernen.

5.Betroffene Frauen dürfen sich der Verbindung zwischen ihrer Körperscham und ihrem gestörten Essverhalten bewusstwerden

Meine Körperscham stand immer in direkter Verbindung zu meinem gestörten Essverhalten, was keine Seltenheit ist. Und es hilft dir als Betroffene, diese beiden Erscheinungen nicht als getrennt voneinander zu betrachten.

Jedoch kann kein Verhalten (in diesem Fall das gestörte Essverhalten) auf derselben Ebene gelöst werden, wo es erscheint. Du darfst und solltest tiefer ansetzen!

An deiner Körperscham und deinen Gedanken über Essen.

Und wenn du an diesen Schamgefühlen und Gedanken ansetzt, gelangst du automatisch in tiefere Ebenen, weil es sich letzten Endes immer um Gefühle handelt, die dich automatisch denken und handeln lassen.

Und genau da, in deinen tieferen Ebenen liegen die Ursachen für Schamgefühle und emotionales essen.

Wenn du erfahren möchtest, was deine inneren Wunden langfristig wirklich heilt, dann habe ich noch einen interessanten Artikel für dich… 🙂

In meinem Artikel Zeit heilt deine Wunden nicht… erfährst du, was du wirklich brauchst, um deine emotionalen Blockaden zu lösen.

6.Frauen dürfen sich trauen, mehr zu sich, ihren Gefühlen und Bedürfnissen zu stehen

Und lernen, diese bei Bedarf klar zu kommunizieren und ggf. Veränderungen einzuleiten.

Ich möchte, für dieses Thema sensibilisieren und zur Eigenreflexion anregen, aber ich möchte auch inspirieren und motivieren mutiger und offener über seine Gefühle zu sprechen.

Natürlich nicht zwangsläufig öffentlich, aber vor allem innerhalb der eigenen Beziehungen wäre es sehr wichtig.

Aber ist Scham denn grundsätzlich verkehrt? Solltest du dich für nichts mehr schämen?

Nein, absolut nicht und doch, auf jeden Fall!

Scham ist im Grunde genommen ein natürliches Gefühl, wie jedes andere und dient dir in etlichen Situationen sogar als Schutz. Ich habe zwei Beispiele für dich, aus welchen hervorgeht, in welchen Situationen eine natürliche Scham völlig normal und auch ein Zeichen von Gesundheit ist:

Vor einigen Jahren besuchte ich an einem Nachmittag das örtliche Hallenbad, um in die Sauna zu gehen. Trotz meiner Körperscham ging ich regelmäßig gerne in die Sauna, jedoch kreisten sich während meiner Saunabesuche meine Gedanken pausenlos, um mein Äußeres und ich verglich mich mit anderen Frauen. Jedoch geht es in diesem Beispiel nicht um meine überhöhte Körperscham. Ich saß also da und befand mich in einem oberflächlichen Gespräch mit einem älteren Herrn, der vom Alter auf jeden Fall mein Vater aber wahrscheinlich eher mein Opa hätte sein können, als er mich plötzlich fragte:

„Warum rasierst du dich eigentlich?“

In mir stiegen in diesem Moment unterschiedliche Abstufungen von Schamgefühlen auf. Fassungslos über so eine Frage, empfand ich diesen Mann als grenzüberschreitet und weiß noch, dass ich mich von einer Sekunde auf die andere zutiefst unwohl und unsicher fühlte. Ich verließ kurze Zeit später die Sauna und war meinen gesunden Gefühlen dankbar, dass sie mich vor weiteren unangenehmen Verwicklungen geschützt haben.

Ein aktuelles Beispiel:

Ich habe entschieden öffentlich über meine (vergangenen) Schamgefühle zu sprechen und mir ist bewusst, dass ich damit viele Menschen tief in meine Privatsphäre blicken lasse. Jedoch hat auch diese Offenlegung Grenzen. Denn z.B. spielt Körperscham vor allem bei betroffenen Frauen eine große Rolle auch in Bezug auf die eigene Sexualität und im Liebesleben. Werde ich deshalb auch über mein eigenes Liebesleben sprechen?

Ganz klar, Nein!

Das Teilen meiner Erfahrungen reicht so weit, wie ich mich damit wohl fühle und meine Selbstachtung bewahre. Es gibt Dinge im Leben über die darf und soll gesprochen werden, aber für mich würde sich der Austausch über so ein sensibles Thema, wenn überhaupt nur in einer kleinen vertrauensvollen Gruppe mit betroffenen Frauen gut und geschützt anfühlen.

Meine Intimsphäre hat nichts auf sozialen Kanälen verloren, denn du weißt so gut wie ich, dass sich die Beiträge über solche Themen nicht nur betroffene Menschen ansehen.

Aus meinen Beispielen soll deutlich werden, dass gesunde Schamgefühle zu uns gehören und uns schützen.

Es sind die überhöhten und übertriebenen Schamgefühle, die unser Leiden verursachen und uns langfristig schaden können.

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Weitere Informationen, die mir beim Verfassen dieses Beitrags geholfen haben:

https://www.schoen-klinik.de/koerperdysmorphe-stoerung

https://de.wikipedia.org/wiki/Dysmorphophobie

https://www.reinhardt-journals.de/index.php/ktb/article/view/153575/5835

Über die Autorin

Hey, ich bin Anja, Expertin für Mütter mit emotionalem Essverhalten und Gründerin von duinspirierst. 

Auf meinem Blog schreibe ich regelmäßig über persönliche Erfahrungen mit Emotionalem Essen, Körperscham und dem Leben nach einer überwundenen Essstörung.

In diesem Zusammenhang berichte über einschränkende Glaubenssätze, Gedanken, Gefühle und die Heilung des inneren Kindes♥

Als zertifizierte Coachin möchte ich vor allem Mütter erreichen, die ein angespanntes Essverhalten haben, mit sich und ihrem Körper unzufrieden sind und einen Ausweg suchen.

Mütter, die einen eigenen Weg gehen wollen, um ihren Kindern ein natürliches, authentisches und starkes Vorbild zu sein. ♥

Von Herzen,

Deine Anja 

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